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Dialog statt Sprachhygiene

Die integrierende Haltung in der Diskussion

Markus Fischer

„Sprache schafft Bewusstsein“, „Worte gestalten Realität“, „Begriffe können verletzen“ – so die Befürworter der Sprachhygiene. Sie plädieren für mehr Achtung, Respekt und Gleichberechtigung in der Gesellschaft. Das klingt vernünftig und wünschenswert. Warum nicht einfach ein paar genderneutrale Pronomen lernen und auf einige Begriffe verzichten? So einfach ist das nicht. Die Sache ist komplizierter, als sie auf den ersten Blick erscheint.

Werden, wie die Befürworter der Sprachhygiene behaupten, gesellschaftliche Werte wie Gleichberechtigung, Respekt und Wertschätzung durch die Regeln einer „neuen Sprache“ gefördert? Oder sind Gedanken und Sprache nicht vielmehr, wie die Kritiker anführen, Ausdruck (und nicht Ursache) eines veränderten Werte-Bewusstseins?

Der aufgeheizte Disput ist Ausdruck eines tieferen Konflikts in modernen Gesellschaften. Ein konstruktiver Dialog setzt Reflexionsfähigkeit, Empathie, Klarheit und Wohlwollen voraus. Das scheint selbstverständlich – ist es aber nicht. Die seit einigen Jahren verordnete Sprachhygiene wird den selbst vorgetragenen Werten häufig nicht gerecht.

Haltung ist (fast) alles

Von der Geburt bis zum Erwachsenen durchlaufen Menschen eine tief greifende emotionale, soziale und geistige Entwicklung, die man in ihrer zeitlichen Reihenfolge sehr vereinfacht in fünf Phasen unterscheiden kann: egozentrisch, konformistisch, rational, pluralistisch und integral. Jede Entwicklungsphase ist in sich richtig und wichtig – und dennoch sind spätere Ebenen besser als frühere, in dem Sinne, dass sie umfassender, empathischer, vernünftiger oder, ganz altmodisch ausgedrückt, reifer sind. Gesunde Erwachsene durchlaufen prinzipiell jede Phase, aber nicht jeder landet dabei auf einer integralen Ebene. Menschen bilden einen Schwerpunkt auf oder um eine der Ebenen herum und dies führt zu sehr unterschiedlichen Weltsichten und Werte-Haltungen. Sie bilden das unbewusste Fundament unseres Denkens, Fühlens und Handelns.

Licht- und Schattenseiten der Entwicklung

Jede dieser Ebenen hat ihre Errungenschaften und Qualitäten, aber auch ihre Schattenseiten. Ein gesundes Ego ist überlebensnotwendig, erwachsener Egoismus ist oft destruktiv. Konformität fördert den sozialen Zusammenhalt, kann aber auch Freiheit und Individualität unterdrücken. Rationalität bewahrt uns vor konformistischen Dogmen, kann aber auch zur Abwertung „irrationaler“ Gefühle führen. Pluralistische Toleranz, Gleichberechtigung und Harmonie sind wichtige Werte in einer globalen Welt. Aber unreflektierte Toleranz und falsche Harmonie können eine notwendige Auseinandersetzung und Abgrenzung behindern. Wir müssen die Leistungen und Fehlleistungen jeder Entwicklungsphase verstehen und anerkennen, um so zu einer ausgewogenen, integralen Haltung zu gelangen.

Welche Sprachhygiene hätten's denn gern?

In der Diskussion um die Sprachhygiene argumentiert man immer vor dem Hintergrund der Werte-Haltung. Diese Haltung bestimmt die tiefere Motivation hinter den Argumenten. Man kann die Sprachhygiene aus einer egozentrischen Haltung heraus befürworten oder ablehnen. Die Argumentation lautet dann eigentlich: „Ich rede, wie ich will und lasse mir von niemanden etwas verbieten oder vorschreiben!“. Hier geht es also nicht darum, ob jemand durch Worte geschützt oder verletzt werden könnte – es geht um die egozentrische Durchsetzung der eigenen Sichtweise. Die konformistische Haltung dagegen wird durch Angst um die Anerkennung und Zugehörigkeit zur eigenen Gemeinschaft motiviert. Eigene, egozentrische Wünsche müssen zurückstehen. Diese Haltung sagt: „Was die Mehrheit möchte ist wichtiger, als das was ich möchte.“ Eine rationale Werte-Haltung versucht häufig, die Argumentation für oder gegen eine Sprachhygiene auf Basis wissenschaftlicher Studien zu entscheiden. Da es um eine gesellschaftliche Wertefrage geht, ist die Naturwissenschaft vermutlich der falsche Ansprechpartner dafür.

Die öffentliche Diskussion wird meist aus einer (scheinbar) pluralistischen Weltsicht geführt. Der Pluralismus entwickelt wichtige Werte wie Gleichberechtigung, Toleranz und Wertschätzung. Eine Schattenseite des Pluralismus besteht jedoch darin, dass er Werte in einer neuen Dogmatik vertritt. Aus einer Haltung der Gleichberechtigung wird ein unreflektiertes „Alle Menschen sind immer und überall gleich“. Aus dem Wunsch nach einem wertschätzenden Dialog wird die unrealistische Idee, durch eine „neue Sprache“ jede Bewertung oder Verletzung vermeiden zu wollen.

Eine neue Sprache, die nicht weh tut?

Diese pluralistischen Ansprüche lassen sich nicht konsistent aufrechterhalten. Wir können und sollten allen Menschen die gleiche Menschenwürde zusprechen, aber individuelle und kulturelle Unterschiede in Fähigkeiten, Präferenzen oder Werten bleiben bestehen und müssen berücksichtigt werden. Völlige Gleichheit ist nicht nur unmöglich, sondern auch nicht sinnvoll. Provokant gesagt: Wer immer alle zur Party einladen will, kann den Selbstmordattentäter nicht ausschließen.

Auch die pluralistische Hoffnung, emotionale Verletzungen durch Sprache zu vermeiden, ist zum Scheitern verurteilt. Emotionen sind subjektiv, kontextabhängig und vor allem „selbstgemacht“. Gefühle entstehen durch die subjektive Bewertung von Reizen durch unseren Organismus. Diese Bewertung kann sich ändern und ist individuell unterschiedlich. „Du Opfer“ kann eine böse Beleidigung oder ein jugendlicher Gruß sein, das hängt von den Umständen und der Bewertung ab.

Selbstverantwortung und Empathie statt Sprachhygiene

Es gibt keine emotional sicheren, „nicht-verletzenden“ Worte. Eine pluralistisch verunsicherte Sprachhygiene projiziert eigene Ängste und Unsicherheit nach außen, macht andere für die eigenen Gefühle verantwortlich und fordert dann „sichere Worte“, um sich selbst zu schützen. Diese Sicherheit ist illusorisch. Eine (egozentrische) Haltung, die verletzen möchte, wird dies mit oder ohne Worte erreichen. Auch aus einer wohlwollenden Intention heraus kann man unabsichtlich verletzen. Dann bleibt nur, als Zeichen aufrichtiger Empathie, um Entschuldigung zu bitten.

Eigentlich unnötig zu betonen, dass dies keine Entschuldigung für bewusst verletzendes oder kriminelles Verhalten ist. Wir können und sollten die schlimmsten sprachlichen Auswüchse gesetzlich regeln, aber dies müssen begründete Ausnahmen bleiben. Die Kommentare in den Social-Media-Kanälen sind voll von herabwürdigenden und rassistischen Äußerungen. Diesen wird man auch nicht durch das Vorschreiben einer politisch korrekten Sprache Herr (Frau auch nicht ;o). Hier helfen wohl nur eine gute Kinderstube, Bildung und, wo das versagt hat, die Justiz.

Die integrierende Haltung in der Diskussion um die Sprachhygiene ist sehr viel wichtiger als die Frage, ob „Sprache Bewusstsein schafft“ oder umgekehrt. Der Streit um Sprachregeln muss in einem freien Klima erfolgen. Mitgefühl, Liebe und Toleranz haben sich noch nie durch Verbote oder Regeln verordnen lassen. Wir können lernen, mehr Verantwortung zu übernehmen, mehr Empathie zu entwickeln und unser Mensch-Sein besser zu verstehen. Und das zu leben, worum es bei der „Sprachhygiene“ ja gehen soll: Um die Menschlichkeit, die uns alle verbindet.

 

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Der Autor

Markus Fischer, Dipl. Volkswirt, unterstützt seit über 20 Jahren die Klärung spannungsgeladener Beziehungen und weiß von sich selbst, dass Konflikte selten willkommen sind. Als Pionier der Gewaltfreien Kommunikation in Deutschland ist er ein kritischer Denker geblieben. Heute begleitet er den Kulturwandel in Unternehmen nach dem Grundsatz: Freiheit gibt es nur mit Verantwortung. http://kultur-wandeln.de

Literaturtipp:

Markus Fischer
Die neue Gewaltfreie Kommunikation
Empathie und Eigenverantwortung ohne Selbstzensur
1. Auflage BusinessVillage 2019
232 Seiten
ISBN 978-3-86980-468-2
24,95 Euro

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Bildnachweis: Markus Fischer 

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