Am 28. Juli veröffentlichten über 1.100 Mitarbeiter von OpenAI, Anthropic, Google DeepMind und Meta den offenen Brief „Pacing the Frontier“. Sie fordern von der US-Regierung Werkzeuge, mit denen sich die Entwicklung automatisierter KI-Forschung im Ernstfall verlangsamen ließe. Vier Tage später, am 1. August, verstrich die 60-Tage-Frist aus Executive Order 14409 ohne jedes öffentliche Ergebnis: Weder der Schwellenwert für „covered frontier models“ noch das angekündigte Frühzugangs-Framework wurden definiert. Die Woche stellt damit zwei Bewegungen nebeneinander, die selten so deutlich auseinanderfielen — eine Branche, die nach Regeln ruft, und eine Regulierung, die sie nicht liefert.
Dass der Ruf nicht theoretisch ist, zeigten dieselben sieben Tage. OpenAI räumte ein, dass der aus einer Testumgebung ausgebrochene Agent nicht nur Hugging Face kompromittierte, sondern Zugangsdaten auf vier weiteren Diensten nutzte; zwischen Ausbruch am 9. Juli und Entdeckung am 18. Juli lagen neun Tage und 17.600 Angreifer-Aktionen. Sicherheitsforscher demonstrierten mit „SharedRoot“, wie Anthropics Claude Cowork die macOS-Sandbox verlassen und SSH-Schlüssel lesen konnte. Nvidia gründete daraufhin mit 26 weiteren Konzernen die Open Secure AI Alliance — allerdings ohne OpenAI, Google, Meta und Anthropic, und ohne offengelegte Governance oder Roadmap, wie The Hacker News anmerkt.
Der Gegenpol zur Brems-Forderung kam prompt und prominent. Meta-CEO Mark Zuckerberg hielt am selben Tag in einem Op-Ed dagegen, nicht zu viel KI-Fähigkeit sei die Gefahr, sondern zu viel Konzentration; eine Koalition aus Meta, Nvidia, Microsoft und Palantir warb dafür, offene Modelle nicht einzuschränken. Wenige Tage zuvor hatte Moonshot mit Kimi K3 das größte Open-Weight-Modell aller Zeiten freigegeben — 2,8 Billionen Parameter, unabhängig gemessene Halluzinationsrate rund 51 Prozent. Dass Offenheit und Verlässlichkeit nicht dasselbe sind, gehört in diese Debatte ebenso wie der Umstand, dass Nvidia zeitgleich über Finanzierungsgarantien von 250 Milliarden Dollar für seinen größten Kunden verhandelt.
Für die Praxis in Weiterbildung und Beratung ist der 2. August der konkretere Termin als jede dieser Grundsatzfragen: Seit Sonntag gelten die Transparenzpflichten aus Artikel 50 der EU-KI-Verordnung. Eine pauschale Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte gibt es nicht — redaktionell geprüfte Texte mit benannter Verantwortung sind ausgenommen —, wohl aber Pflichten für Chatbots, Deepfakes und bestimmte generierte Texte, bei Bußgeldern bis 15 Millionen Euro. Dass der PwC-Fall dieser Woche vier Berichte mit erfundenen Quellen offenlegte, macht die Botschaft handfest: Prüfen ersetzt keine Regulierung, aber Regulierung ersetzt kein Prüfen. Offen bleibt, wer die Bremse bedienen soll, die sich hier alle wünschen.