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Die Zukunft des Lernens (1)

Maßgebliche Entwicklungen

Roland Böttcher

Wie wird die Zukunft des Lernens aussehen? Wie und auch was werden wir künftig lernen? Weil diese Fragen auch für die Aus-, Fort- und Weiterbildung in Unternehmen von großer Bedeutung sind - und damit auch für uns Trainer, möchte ich Sie mit einer dreiteiligen Serie im TrainerJournal einladen, einen Blick in künftige Lernwelten zu werfen. Im ersten Beitrag möchte ich interessante Lerntrends vorstellen, die sich bereits etablieren und dann klären, welche sozialen, ökonomischen und technologischen Entwicklungen das künftige Lernen maßgeblich bestimmen werden.

Im zweiten Teil male ich ein konkreteres Bild von der Zukunft: Wie und was wird in welchen Umfeldern gelernt werden? Welche Kompetenzen werden besonders wichtig? Was kann das für uns Trainer bedeuten? Und in der letzten Folge geht es um zukunftsweisende Ansätze für das Lernen und Lehren, die Unternehmen schon heute auf übermorgen vorbereiten können.

Wie verändert sich gerade das Lernen?

- 2 interessante Trends -

Die Zukunft ist immer in der Gegenwart angelegt. Deshalb können jüngere Entwicklungen auch einen möglichen Hinweis auf die Zukunft des Lernens geben.

1. Zugangsmöglichkeiten zum Lernen

Durch das Internet haben wir mit einigen Mausklicks Zugang zu den unterschiedlichsten Informationsquellen. An immer mehr Schulen und Universitäten werden Schüler und Studenten mit Tablets ausgestattet, um u.a. online zu recherchieren. Aber auch als normale Internetbenutzer können wir mehr und mehr auf wissenschaftliche Portale1 zugreifen und Forschung aus erster Hand studieren.

Eine kleine Revolution haben die „Massive Open Online Courses“, kurz MOOC2, in Gang gesetzt. Diese massiven offenen Online-Kurse, die oft kostenfrei sind, ermöglichen Menschen global (!) einen neuen und bequemen Zugang zu unterschiedlichsten Seminaren. Alle angemeldeten Teilnehmer können im eigenen Tempo zu jeder Zeit und an jedem Ort, an dem sie Internetzugang haben, Vorlesungen verfolgen, Kursmaterial lesen oder sich in Foren austauschen. Ein solches selbstverantwortliches Lernen fordert viel Motivation, Disziplin und Lernkompetenz und eine klare Zielorientierung. Vielleicht eine Voraussetzung, die nicht alle Lerner bereits mitbringen, denn die Abschlussraten bei MOOCs sind noch recht niedrig.

2. Steigende Interaktivität

Wir lernen am besten, wenn wir nicht Empfänger, sondern Entdecker von Neuem sind. Interaktivität ist das Stichwort. Die mittlerweile zu einer Bewegung gewordenen „Flipped Universities“3 wollen auf dieses Ziel hinarbeiten. Statt der herkömmlichen Vorlesung im Hörsaal, können die Studenten den Vortrag als Video im Internet anschauen. In der frei gewordenen Zeit an der Uni können die Lerner in Gruppen das neue Materials verarbeiten und vertiefen, während der Professor als Lernbegleiter anwesend ist.

Computerspiele erfreuen sich nicht nur bei Jugendlichen großer Beliebtheit. Das Durchschnittsalter von „Gamern“ in Deutschland liegt bei 31 Jahren, und fast 50% davon sind Frauen4. Kein Wunder, dass „Serious Games“ auch im Bereich des Lernens immer mehr Anwendung finden. Simulationen oder Rollenspiele beispielsweise erlauben den Lernern, interaktiv eigene Hypothesen auszuprobieren, aus Fehlern zu lernen und erfolgreiche Strategien in einem komplexen Umfeld zu entdecken.

Ein großer Tisch für den Trainer vor der Leinwand und Tische in Hufeisenform sind immer noch die klassische Lernumgebung im Training. Alles ist auf frontale Beschallung ausgerichtet. Lehrer in einem texanischen Schuldistrikt, die neben der frontalen Instruktion mehr interaktive Gruppenarbeit anbieten wollten, kamen auf eine pfiffige Idee. Sie benutzten Tische auf Rädern, um schnell von einer „Omnibus-Sitzordnung“ zu Kleingruppenarrangements wechseln zu können.

Diese Trends sind Gegenwart - Wie wird es in der Zukunft weitergehen?

Fünf Entwicklungen, die das künftige Lernen maßgeblich bestimmen werden

Wenn wir eine Vorhersage über das Lernen in Unternehmen in der Zukunft treffen wollen, müssen wir heutige Trends einbeziehen und eine Prognose künftiger Rahmenentwicklungen abgeben. Wir müssen also abschätzen, welche sozialen, ökonomischen, technologischen Entwicklungen in den kommenden 10 bis 15 Jahren das „wie“ und „was“ des Lernens beeinflussen werden. Im Jahre 2011 veröffentlichte das Institute for Prospective Technological Studies (IPTS) im Auftrag der EU eine Studie mit dem Titel „The Future of Learning“5. Diese Studie identifiziert 5 Hauptentwicklungen, die das künftige Lernen in Europa maßgeblich bestimmen werden:

1. Bevölkerungsentwicklung

Der relative Anteil der älteren Menschen an der Bevölkerung wird weiter ansteigen und die Zahl der jungen Menschen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, wird abnehmen. Dieses Unterangebot macht sich bereits heute bemerkbar und ist der Grund für viele Talentmanagementprogramme in Unternehmen.

2. Globalisierung der Wirtschaft

Durch das wirtschaftliche Wachsen von China und Indien entsteht eine immer stärkere ökonomische Konkurrenz für Europa. Der Arbeitsmarkt in diesen beiden Ländern ist riesig. Nach Schätzungen gibt es dort 1,7 Milliarden mehr Arbeitskräfte, während in Europa die Zahlen sinken. Das wird zu einer immer größer werdenden Herausforderung für die wirtschaftliche Entwicklung in Europa.

3. Arbeitsmarkt

Prognosen sagen voraus, dass der Bedarf an weniger qualifizierter Arbeit bei uns abnehmen wird, teils durch Automatisierung, teils durch Auslagerung (Stichwort „Industrie 4.0“). Es wird stattdessen einen chronischen Mangel an qualifizierten Arbeitnehmern geben.

4. Bevölkerungszuwanderung

Die UN schätzt, dass bis 2050 jährlich 1.6 Millionen Menschen aus armen Ländern nach Europa einwandern werden. Diese Entwicklung ist für Europa wichtig, denn sie kann helfen, die Engpässe bei den Arbeitskräften zu überbrücken. Allerdings werden die Immigranten in der Regel nicht hoch qualifiziert sein. Gleichzeitig wird die stete Einwanderung in den europäischen Ländern zu einer Herausforderung mit dem Fremden und in der Bevölkerung von Angst und Abwehr begleitet werden.

5. Technologie

Das Internet, cloud computing und mobile Kommunikationsgeräte wie Tablets und Smartphones haben bereits das Gesicht des Lernens nachhaltig verändert. Die rasante technologische Entwicklung in diesem Bereich wird fortschreiten, sich weiter ausbreiten und eine starke Wirkung auf die Jobanforderungen und ihre Strukturen nehmen. Ebenso wird sie das Lernen und seine Formen noch stärker beeinflussen.

Europa braucht qualifizierte Menschen, um kon­kurrenzfähig zu bleiben. Die Antwort Europas auf die demografische Entwicklung, die wirtschaftliche Globalisierung und die Immigration heißt „Lebenslanges Lernen“ und „Lebensweites Lernen“. Was das für Sie bedeutet, erfahren Sie in der nächsten Ausgabe.

Der Autor: Roland Böttcher

Vice President von Delphin, Inc., langjähriges IAAL Vorstandsmitglied und Executive Director der International Alliance for Accelerative Learning (IAAL) von 2006—2010. Mitbegründer von IAALP in den USA.

Studium der Sozialpädagogik und Psychologie; zehnjährige Tätigkeit als Musiktherapeut; Ausbildung in Entspannungsverfahren, Suggestopädie, NLP-Master-Practitioner, Ausbildungstrainer für Accelerated Learning (IAALP), Dialog-Facilitator.

Seit 1990 freiberuflich tätig im Management-Training und weltweit in der Aus- und Weiterbildung von Trainern, Dozenten, Ausbildern und Seminarentwicklern. Design und Leitung von Seminaren in den Bereichen Führungskräfteentwicklung, interkulturelle Kompetenz, Talentförderung, Mentorenausbildung, persönliche und soziale Kompetenz für Unternehmen im In- und Ausland.

1846 Dorminey Court, Lawrenceville, GA 30043, USA
roland@delphin-international.de
www.delphin-international.de

 


1 Zum Beispiel www.academia.edu , www.springeropen.com , www.highbeam.com , www.questia.com , www.researchgate.net , http://www.galileo.usg.edu/welcome/?Welcome

2 Anbieter sind u.a. www.khanacademy.org  (nicht kommerzielle Plattform), www.edX.org  (Plattform von MIT und Harvard University), www.coursera.org  (führende Plattform aus den USA), www.iversity.org  (deutsche kommerzielle Plattform), online.stanford.edu  (Stanford University).

3 Siehe auch: www.youtube.com/watch?v=u1Vf4Rn7tKw 

www.fliptheclassroom.de/konzept  

www.washington.edu/teaching/teaching-resources/engaging-students-in-learning/flipping-the-classroom/

4 www.onlinewelten.com/games/allgemeine-news/news/gamer-statistiken-durchschnittsalter-31-jahre-50-prozent-frauen-106258/  

5 Christine Redecker, Miriam Leis, Matthijs Leendertse, Yves Punie, Govert Gijsbers, Paul Kirschner, Slavi Stoyanov, Bert Hoogvelt: The Future of Learning - Preparing for Change, European Union 2011 unter: http://ipts.jrc.ec.europa.eu/publications/pub.cfm?id=4719

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